Freiburg, den 5. Juli 2021

Stellungnahme zu den Vorwürfen gegen den Kooperationspartner Palästina Spricht-Freiburg

"Dear White People..." (DWP) ist ein seit 2019 in Freiburg stattfindendes rassismuskritisches Bildungsfestival und als eine Plattform für gesellschaftlich marginalisierte Themen konzipiert. Für die dritte Ausgabe des Festivals im Juni 2021 unter dem Motto "Let's Break the Silence!" lud DWP, das von einem 16-köpfigen mehrheitlich BIPoC* Kuratorium organisiert wird unter der Trägerschaft des lokalen gemeinnützigen Verein zusammen leben e.V., die linke Organisation Palästina Spricht-Freiburg zur Teilnahme ein. Palästina Spricht-Freiburg ist eine Gruppierung, die sich für palästinensische Rechte und gegen jede Form von Rassismus einsetzt. Sie sollte als eine von 36 Partnerorganisationen auf dem Festival zu „Antipalästinensischem Rassismus in Deutschland“ sprechen. Nach Veröffentlichung des Programms wurde DWP dafür kritisiert, Palästina Spricht-Freiburg eingeladen sowie einen Raum für deren Sprecher*innen angeboten zu haben. Palästina Spricht-Freiburg und deren Sprecher*innen wurde dabei Antisemitismus vorgeworfen. Diese Vorwürfe führten dazu, dass die finanzielle Unterstützung für das DWP Festival und somit von zusammen leben e.V. zurückgezogen und einer Überprüfung unterzogen wurde. 

Die Kritik dreht sich, soweit uns bekannt, um folgende Vorwürfe:​

1. Palästina Spricht unterstützt BDS 

2. Die Demonstration von Palästina Spricht-Freiburg zum Tag der Nakba am 15. Mai fand auf einem Platz in Freiburg statt, auf dem sich bis 1938 eine Synagoge befand          

3. Palästina Spricht-Freiburg hat antisemitische Poster und Slogans während der Demonstration geduldet          

4. Der Slogan “Free Palestine, from the River to the Sea” steht auf der Website von Palästina Spricht  

Klarstellung

1. Palästina Spricht unterstützt BDS         

In unserem Verständnis von Antisemitismus beziehen wir uns auf die Definition(en) der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus. Die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (JDA), die im März 2021 veröffentlicht und von mehr als 300 akademischen und oftmals selbst jüdischen Personen aus den Bereichen Antisemitismusforschung, Holocaustgeschichte und jüdischen Studien unterzeichnet wurde, stellt deutlich fest: "Boykott, Desinvestition und Sanktionen (BDS) sind gängige, gewaltfreie Formen des politischen Protests gegen Staaten. Im Falle Israels sind sie nicht per se antisemitisch."

2. Die Demonstration von PS-Freiburg zum Tag der Nakba am 15. Mai fand auf einem Platz in Freiburg statt, auf dem sich bis 1938 eine Synagoge befand und die von den Nazis zerstört wurde.         

Eine Einordnung der Vorwürfe durch Prof. Amos Goldberg (The Jonah M. Machover Chair in Holocaust Studies, Head of the Avraham Harman Research Institute of Contemporary Jewry, The Department of Jewish History and Contemporary Jewry at the Hebrew University of Jerusalem) und Prof. Alon Confino, (Pen Tishkach Chair of Holocaust Studies, Professor of History and Jewish Studies, Director, Institute for Holocaust, Genocide, and Memory Studies, University of Massachussetts at Amherst), zwei Mitgliedern der Steuerungsgruppe der Jerusalem Declaration on Antisemitism, kam zu folgenden Ergebnissen:

"Beim Platz der Alten Synagoge handelt es sich um den zweitgrößten Platz in Freiburg und einen üblichen Veranstaltungsort für Demonstrationen. Der Platz ist nach der Synagoge benannt, die 1938 von den Nazis durch Brandstiftung zerstört wurde. Auf dem Platz befinden sich heutzutage kein jüdisches Gotteshaus und keine andere jüdische Einrichtung. Das macht einen erheblichen Unterschied, denn laut JDA wäre eine Demonstration gegen Israel vor einer jüdischen Einrichtung antisemitisch, weil sie jüdische Menschen mit dem Staat Israel gleichsetzen würde: 'Jüdinnen und Juden kollektiv für das Verhalten Israels verantwortlich zu machen oder sie, bloß weil sie jüdisch sind, als Agent*innen Israels zu behandeln' ist laut JDA antisemitisch. Bei einem Platz, der nach einer zerstörten Synagoge benannt ist, ist dies nicht der Fall. Deutsche Städte und Landschaften sind aufgrund der antisemitischen Gewaltgeschichte voller Symbole und Orte, die an die Judenverfolgung der Nazis erinnern. Der Platz wurde nicht absichtlich ausgewählt, um die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Freiburg zu verletzen. Palästina Spricht-Freiburg nimmt für sich vielmehr, wie andere Gruppen auch, das Recht in Anspruch, an diesem Ort für politische Forderungen, in diesem Fall nach Menschenrechten, zu demonstrieren. Das kann man unklug oder provokant finden, es ist aber nicht antisemitisch."

3. Palästina Spricht-Freiburg hat antisemitische Poster und Slogans während der Demonstration geduldet

Palästina Spricht-Freiburg widerspricht der Darstellung, dass die besagten Schilder von Mitgliedern der Gruppe stammen. Die Gruppe hat selbst die Entfernung der Schilder verlangt und sich öffentlich von ihnen distanziert. Der Polizeibericht über die Demonstration bestätigt, dass die Organisator*innen von Palästina Spricht-Freiburg selbst für ihre Entfernung gesorgt haben. JUPI Freiburg, Urheber der Vorwürfe, hat später eine Korrektur veröffentlicht, in der sie sich dafür entschuldigen, undifferenziert über die Demonstration berichtet zu haben, und im Nachhinein festgestellt haben, dass Palästina Spricht-Freiburg gegen die Plakate mit antisemitischem Inhalt vorgegangen ist.

Vor der Demonstration zum Tag der Nakba hat Palästina Spricht-Freiburg den Kontakt und das Gespräch mit der Israelitischen Gemeinde Freiburg gesucht. Die Egalitäre Jüdische Chawurah Gescher Gemeinde Freiburg und die Israelitische Gemeinde Freiburg hatte für dieses Datum als Reaktion auf die Nakba Demonstration Aktionen (Gebet, Gedanken und Lieder) auf dem Platz geplant. Palästina Spricht-Freiburg hat nach Kritik aus den Freiburger jüdischen Gemeinden die eigene Demonstration nach hinten verschoben und aktiv den Kontakt und das Gespräch gesucht.

4. Der Slogan “Free Palestine, from the River to the Sea” steht auf der Website von Palästina Spricht

Die Jerusalem Declaration on Antisemitism stellt fest, dass „die folgenden Beispiele nicht per se antisemitisch sind (unabhängig davon, ob man die Ansicht oder Handlung gutheißt oder nicht)“:

"Kritik oder Ablehnung des Zionismus als eine Form von Nationalismus oder das Eintreten für diverse verfassungsrechtliche Lösungen für Jüdinnen und Juden und Palästinenser*innen in dem Gebiet zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer. Es ist nicht per se antisemitisch, Regelungen zu unterstützen, die allen Bewohner*innen 'zwischen dem Fluss und dem Meer' volle Gleichberechtigung zuzugestehen, ob in zwei Staaten, einem binationalen Staat, einem einheitlichen demokratischen Staat, einem föderalen Staat oder in welcher Form auch immer. "

Palästina Spricht-Freiburg hat diese Forderung u.a. gegenüber der Badischen Zeitung schriftlich erklärt: „Freies Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer bedeutet Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Palästinenser*innen und Israelis, die zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer leben.“

Goldberg und Confino stellen in ihrer Einordnung also fest: “Die Forderung von PS ist also laut Absichtserklärung der Organisation eine nach „voller Gleichberechtigung aller Bewohner*innen“. 

Weiter unten befinden sich chronologisch die Positionierungen des Kuratoriums, die im Rahmen der Ein- und Ausladung sowie Wiedereinladung von Palästina Spricht-Freiburg verfasst wurden.

Freiburg, den 16. Juni 2021

Reflexion und Positionierung  

Wir möchten hier nochmal betonen, dass wir als rassismuskritisches Bildungsfestival Räume eröffnet haben, um ein Sprechen über intersektional miteinander verwobene Diskriminierungsverhältnisse hör- und sichtbar zu machen, wie auch die Möglichkeit geboten haben, gemeinsam in einen Dialog zu treten und uns mit marginalisierten Gruppen zu solidarisieren. Dies werden wir auch weiterhin tun. 

Das "Dear White People..." Kuratorium hat Veranstaltungen zu Themen wie der Militarisierung der EU Außengrenzen, rassistischer Polizeigewalt, anti-asiatischem Rassismus in Deutschland, imperialistischem Klimawandel in Rojava, dekolonialen Praktiken, Intersektionalität im Kontext queerer globaler Perspektiven, Diskriminierung gegen Romnja und Sintize in Freiburg, Verschränkung von ökologischer Krise und Kolonialismus kuratiert und Perspektiven auf das globale Ernährungssystem eröffnet als auch Empowerment für BIPoC Pädagoginnen und ein Powersharing Training für weiße Verbündete angeboten. 

Damit hat “Dear White People…” Let’s Break The Silence! solidarische Räume geschaffen. 

Als Veranstalterin mit diesen politischen Zielen muss klar gestellt werden, dass wir in der Bereitstellung von solidarischen Räumen Risiken eingehen, um kontroversen Themen eine Plattform zu bieten, uns aber nicht gleichzeitig mit allen Inhalten und Positionen unserer Referentinnen und Kooperationspartner*innen identifizieren. 

Allerdings hat der Diskurs um die Ein-, Aus- und Wiedereinladung von Palästina Spricht-Freiburg, sowie Absage des Podiums "Wie kann in Deutschland ein Sprechen zur Situation in Israel und Palästina stattfinden und ein Raum für Dialog ermöglicht werden?" unser Festival dominiert und überschattet.  

Uns ist die derzeitige Polarisierung des Diskurses aufgrund der aktuellen politischen Ereignisse bewusst und dass es schwierig ist, sich momentan zu diesen Thematiken zu äußern, ohne dass sich Fronten verhärten. 

Dominante Diskurse sind machtvoll und schlagen sich auf unterschiedlichen Ebenen nieder, sie bleiben nicht auf diskursiver Ebene stehen. Auf Grund des politischen und öffentlichen Drucks, der Befürchtung große Teile der Fördergelder zu verlieren und der Antisemitismus- und Silencing Vorwürfe war das Kuratorium bereits vor Beginn des Festivals, wie auch während des Festivals dauerhaft damit beschäftigt zu re-agieren. Die kurzfristig anberaumte Podiumsdiskussion "Wie kann in Deutschland ein Sprechen zur Situation in Israel und Palästina stattfinden und ein Raum für Dialog ermöglicht werden?" hat weitere Kapazitäten verbraucht, die zu diesem Zeitpunkt, kurz vor Beginn des Festivals, nicht vorgesehen waren. Der Druck hat dazu geführt, dass Ressourcen gebunden wurden, die wir bei der Planung und Durchführung des Festivals dringend gebraucht hätten, vor diesem Hintergrund aber fehlten.  

Hintergründe zur Absage des Podiums "Wie kann in Deutschland ein Sprechen zur Situation in Israel und Palästina stattfinden und ein Raum für Dialog ermöglicht werden?": Die rasch aufeinanderfolgenden Absagen am frühen Freitag Abend - erst der palästinensisch positionierten Referentin und kurz darauf der Moderation des Podiums - konnten wir um 22 Uhr in der Nacht auf Samstag nicht mehr auffangen. Nach unserem Kenntnisstand zu diesem Zeitpunkt war die Hälfte der teilnehmenden Personen nicht bereit, ohne eine palästinensisch positionierte Referentin die Diskussion durchzuführen. Nach den Risiken, die wir als Veranstalterinnen eingegangen sind und den konkreten Konsequenzen, die wir bereits erfahren hatten, wäre für uns ein solidarischer Schulterschluss durch die Teilnahme einer palästinensisch positionierten Person an der Podiumsdiskussion notwendig gewesen. Mit der Absage des Podiums konnten wir schlussendlich keinen jüdischen Perspektiven Raum auf dem Festival bieten. 

Aller Hürden und Kritiken zum Trotz haben wir als 16-köpfiges ehrenamtliches Kuratorium dieses Festival durchgezogen, um unserem politischem Anspruch und unserer antirassistischen Haltung gerecht zu werden und Personen sowie Themen eine Stimme zu geben, die sonst keine oder nicht genug Öffentlichkeit bekommen. 

Uns ist sehr bewusst, dass wir Fehler gemacht haben und wir hören die Kritik unserer Referentinnen, Föderpartnerinnen und Kooperationspartner*innen. 

Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen und wir führen weiterhin Gespräche mit allen Beteiligten. Alle Gesprächsbedarfe konnten während der vergangenen Festivalwoche nicht aufgefangen werden, da uns Kapazitäten und Ressourcen entzogen wurden. Das holen wir jetzt nach! 

Bedanken möchten wir uns an dieser Stelle explizit bei Leitungsgruppe der Jerusalemer Erklärung zu Antisemitismus, die uns in den letzten Wochen beraten und unterstützt haben und die Antisemitismus Vorwürfe fachlich eingeordnet haben. 

Das sind unsere nächsten Schritte: 

- Wir sprechen morgen mit dem Antisemitismusbeauftragen von Baden-Württemberg, Dr. Michael Blume, um die Geschehnisse nochmal transparent darzulegen. 

- Wir werden uns darum bemühen, die abgesagte Podiumsdiskussion in anderer Form stattfinden zu lassen, dieses Mal aber mit mehr zeitlichem Vorlauf und engerer Begleitung und Austausch mit den Referent*innen. 

- Wir laden zeitnah alle Kooperationspartner*innen zu einem kritischen Austausch ein, insbesondere möchten wir den Dialog mit der Egalitären Gescher Gemeinde weiterführen. 

- Wir sind in konstantem Austausch mit den Förderpartner*innen. 

- Ziel ist die transparente Kommunikation der Vorgänge mit allen Eingeladenen und Beteiligten. 

Aktuelle konkrete Konsequenzen sind voraussichtlich der Entzug von rund 36.000€ Fördergeldern. Dies führt dazu, dass der Trägerverein zusammen leben e.V. auf die Insolvenz zusteuert: Zahlungsunfähigkeit auf Grund von Überschuldung in zwei Monaten. (Das Crowdfunding startet nächste Woche). 

Aber: Der Kampf gegen systemischen und strukturellen Rassismus war noch nie und wird auch nicht in Zukunft einfach sein. 

Das Kuratorium von "Dear White People...." Let's Break the Silence!

Freiburg, den 9. Juni 2021

Wir unterstreichen deutlich, dass das "Dear White People..." Festival ein rassismuskritisches Bildungsfestival ist und sich gegen jede Form von Diskriminierung ausspricht. Im Rahmen des Kuratoriums, aber auch auf dem Festival, dulden wir keinen Antisemitismus, keinen anti-asiatischen Rassismus, keinen antimuslimischen Rassismus, keinen antipalästinensischen Rassismus, keinen Rassismus gegen Sintizze und Romnja, keinen anti-Schwarzen Rassismus und keine weiteren Formen von Rassismus und Diskriminierung. Wir erwarten von unseren Kooperationspartner*innen die selbe Haltung.

Das Festival wurde von einem 16-köpfigen mehrheitlichen BIPoC Kuratorium, bestehend aus Vertreter*innen unerschiedlicher Organisationen und Privatpersonen kuratiert. Die Kuration des Festivals basiert(e) hauptsächlich auf unentgeltlicher Arbeit. Die Organisation des Festivals wurde vor allem aus dem Interesse und der Motivation heraus getragen, eine Plattform für marginalisierte Stimmen und Themen zu schaffen. Das Anliegen des Festivals war und ist es, aus einem politischen Antrieb gemäß des diesjährigen Mottos „Break the Silence!“, unbequemen Diskursen eine Plattform zu bieten und darüber zu diskutieren. Das bedeutet nicht, dass wir alle Ansichten und Perspektiven teilen. Aber wir wollen einen Raum für kontroverse Gespräche öffnen. Denn ein Schweigen zu unbequemen Diskursen verfestigt die Annahme eines Entweder Oders, einer Binarität , die der Komplexität diskriminierender Machtverhältnisse nicht entspricht. 

Zudem möchten wir darauf aufmerksam machen, dass zusammen leben e.V.  zwar Träger des Festivals ist, aber die Organisation des Festivals in den Händen des Kuratoriums liegt. Die Arbeit des Kuratoriums basiert auf dem Vertrauen von Seiten des Vereins bezüglich aller Entscheidungen, die es im Rahmen des Festivals zu treffen gab. Nach zwei erfolgreichen Durchführungen des Festivals „Dear White People...“ 2019 und 2020 hat der gemeinnützige Verein zusammen leben e.V. die Kritik ernst genommen, dass das Organisationsteam aus dem Verein mehrheitlich weiß besetzt ist und sich deshalb für die Durchführung des Festivals in 2021 hauptsächlich auf die Rolle des Trägers zurückgezogen, sowie die Organisation für ein großes, mehrheitliches BIPoC Kuratorium geöffnet. 

Im Rahmen des Prozesses der Aus- und Wiedereinladung von Palestina Spricht-Freiburg haben uns aus ganz Deutschland unterschiedliche jüdische Stimmen erreicht, die deutlich machen, dass es "die einheitliche jüdische Meinung" nicht gibt. Auch hier existiert Heterogenität, auch im Blick auf die Arbeit von Palestina Spricht-Freiburg. Sowohl das Kuratorium, als auch der Verein erhalten fachliche Beratung vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, das zu den weltweit bedeutendsten Einrichtungen seiner Art zählt, interdisziplinäre Grundlagenforschung zu Antisemitismus in seinen vielfältigen Ursachen, Erscheinungsformen und Auswirkungen in Vergangenheit und Gegenwart durchführt und zu der Leitungsgruppe der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (Jerusalem Declaration on Antisemitism, kurz JDA) gehört.

Hinter der Kritik am Staat Israel kann sich Antisemitismus verbergen. Die Ortsgruppe von Palestina Spricht-Freiburg hat sich im Vorfeld in mehreren gemeinsamen Gesprächen mit dem Kuratorium explizit von Antisemitismus distanziert und auf der Demonstration am 15.05.21 entsprechend gehandelt.  (https://www.jupi-freiburg.de/korrektur-palaestina-spricht/)

Uns ist bewusst, dass die Thematik extrem polarisiert und zu einer schwierigen Lage führt. Deshalb ist es uns ein dringendes Anliegen, die Spaltungen nicht weiter zu befeuern, sondern Ansätze für Lösungen zu erarbeiten. Genau aufgrund dieser kontroversen Situation haben wir ein Podium organisiert, das den Diskurs, den wir gerade führen, auf einer Metabene beleuchtet: Wie kann in Deutschland ein Sprechen zur Situation in Israel und Palästina stattfinden und ein Raum für Dialog ermöglicht werden? Es sprechen am Samstag, den 12. Juni von 10-12 Uhr Uffa Jensen  (Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin), Meron Mendel (Direktor der Bildungsstätte Anne Frank), Alexandra Senfft (Aktives Mitglied im "AK für intergenerationelle Folgen des Holocausts e.V." und freie Autorin und Publizistin), Anna Esther Younes (Race Critical Scholar, Palästina Spricht), moderiert von Manuela Boatcă (Professorin für Soziologie, Uni Freiburg).  Sie sind herzlich eingeladen!

Das Kuratorium von "Dear White People..." mit dem Verein zusammen leben e.V.

Freiburg, 3. Juni 2021

Nach der Ausladung von "Palästina Spricht Freiburg" von unserem Festival kam es zu vielen Reaktionen von unterschiedlich positionierten Akteur*innen, die uns als Kuratorium von "Dear White People..." noch einmal verdeutlicht haben, wie gravierend die Diskussionen um die israelische Besatzung im Westjordanland/Gaza, das Existenzrecht Israels als auch von Palästina sind. Diese vielen Stimmen, besonders aber unser gestriger Austausch mit Vertretern von "Palästina Spricht Freiburg," haben uns als Kuratorium von "Dear White People..." zu nachfolgender Positionierung gebracht:

Mit der Ausladung von "Palästina Spricht Freiburg" haben wir anti-palästinensischen Rassismus reproduziert, den Aktivist*innen von "Palästina Spricht Freiburg" damit sehr geschadet und diese verletzt. Dafür bitten wir um Entschuldigung bei "Palästina Spricht Freiburg" und allen palästinensischen Stimmen, die damit gesilenced wurden. Anti-palästinensischer Rassismus besteht darin, die Geschichte und das anhaltende Leiden des palästinensischen Volkes zu leugnen. Er zielt auch darauf ab, diejenigen, die Israels Umgang mit den Palästinenser*innen als kritisch ansehen, als antisemitisch darzustellen. Für weitere Ausführungen und Explizierungen, verweist "Palästina Spricht Freiburg" auf folgende Quellen: 3, Arab Canadian Lawyers Association, Independent Jewish Voices Canada, und British Columbia Civil Liberties Association 2020.

Zum Hintergrund: 

Der Ausladung von "Palästina Spricht Freiburg" ging teilweise massive Kritik voran, die vor allem auf dem Vorwurf beruhte, "Palästina Spricht Freiburg" sei antisemitisch. Für uns als Kuratorium wogen die jüdischen Stimmen, die diese Kritik äußerten, besonders schwer. Gefolgt von dieser Kritik gab es Drohungen, uns Fördermittel zu streichen, sollten wir an einer Kooperation mit "Palästina Spricht Freiburg" festhalten. Unter diesem starken Druck haben wir entschieden, die Gruppe wieder auszuladen. Das betrachten wir heute als Fehler. Der Antisemitismusvorwurf, mit dem "Palästina Spricht Freiburg" konfrontiert wurde, ist für uns an keiner Stelle ersichtlich geworden. 

Uns wurde in den letzten Wochen bewusst, dass nicht nur eine Sichtweise auf "Palästina Spricht Freiburg" existiert, sondern viele. Uns erreichten etliche jüdische Stimmen, die darauf aufmerksam machten, dass sie ebenfalls Betroffene von Antisemitismus seien, den Vorwurf an "Palästina Spricht Freiburg" jedoch nicht teilen und im Gegenteil darauf hinwiesen, dass dieser Vorwurf dem politischen Zwecke dienen würde, palästinensische Stimmen strukturell zu silencen. Die "Jüdische Stimme für gerechten Frieden im Nahost" hat Formen der Instrumentalisierung in ihrem offenen Berief klar dargestellt: https://tinyurl.com/34sjd7zw

Die Drohung von einigen Förderern und Kooperationspartner\*innen, ihre Gelder von unserem Festival abzuziehen, steht weiterhin im Raum. Da wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht wissen, wie viel Gelder abgezogen werden, rufen wir die Referent\*innen und Künstler\*innen des Festivals auf, solidarisch mit "Palästina Spricht Freiburg" zu sein und, sollten tatsächlich Fördergelder gekürzt werden, gegebenenfalls auf ihr Honorar oder Teile ihres Honorars zu verzichten.

"Dear White People..." - gerade auch unter dem diesjährigen Motto LET'S BREAK THE SILENCE - zielt darauf ab, möglichst vielen marginalisierten Stimmen Raum zu geben; wir wollen Dialog und kein Silencing, auch weil wir davon überzeugt sind, dass dies der einzige Weg in eine diskriminierunsgfreiere Welt ist.

Wir wollen in Freiheit und ohne Diskriminierung leben und lassen uns nicht von weißen deutschen hegemonialen Bestrebungen, Schuld zu tilgen, in einseitig und dominante Diskurse drängen. Wir lassen uns weder spalten noch hören wir auf im Dialog zu bleiben!

Das Kuratorium von "Dear White People..."

Freiburg, 19. Mai 2021

Wir bitten um Entschuldigung: Wir haben die Situation unterschätzt!  Wir wollten palästinensische als auch jüdische Perspektiven auf dem "Dear White People..." Festival sprechen lassen.  Wir sind aktuell an unserem Anspruch gescheitert, allen Stimmen einen Raum zu geben. Dieses Scheitern und seine Gründe wollen wir in einer Veranstaltung reflektieren, die wir gerade planen.

Zum Kontext:

Die massive Einflussnahme von Institutionen, die Palestine Speaks Freiburg als antisemitisch einstufen und die  Rückmeldungen von Antisemitismus betroffener Personen hat uns dazu veranlasst, die Kooperation mit "Palestine Speaks Freiburg" zu beenden.

Es steht uns als Kuratorium, das weder palästinensische noch jüdische Positionen hat, nicht zu, hier die Deutungshoheit einzunehmen: Wir wollen weder Betroffenen von Antisemitismus noch Betroffenen von anti-palästinensischem  Rassismus ihre Erfahrungen und Einschätzungen absprechen. 

Für die nächste Ausgabe von "Dear White People..." rufen wir ebendiese Stimmen auf, sich unserem Kuratorium anzuschließen.

Hintergrund zu unserem Prozess: 

Schon zu Anfang unserer Kooperationsgespräche mit Palestine Speaks Freiburg wurden wir mit Antisemitismusvorwürfen gegenüber dieser Gruppe konfrontiert: Wir haben mit der Gruppe selbst, wie auch mit verschiedenen Expert*innen und Beratungsstellen gesprochen und uns auf dieser Recherche-Grundlage dazu entschieden, "Palestine Speaks Freiburg" als Kooperationspartner an Bord zu holen. 

Ein wiederkehrender Vorwurf ist die Nähe zu BDS. Der Jerusalemer Erklärung nach ordnen wir "Boykott,  Desinvestition  und  Sanktionen [als] gängige gewaltfreie  Formen des politischen Protests gegen Staaten [ein]. Im Falle Israels sind sie nicht per se antisemitisch." Desweiteren sind im Bezug auf Israel und Palästina eine "faktenbasierte Kritik an Israel als Staat", die "Unterstützung der palästinensischen Forderungen nach Gerechtigkeit und der vollen Gewährung ihrer politischen, nationalen, bürgerlichen und menschlichen Rechte, wie sie im Völkerrecht verankert sind" nicht per se antisemitisch.

Trotz differenzierter Recherchen wurden wir im Zuge der Veröffentlichung unseres Programms, in dem die Kooperation mit "Palestine Speaks Freiburg" als auch die von "Palestine Speaks Freiburg" organisierte Veranstaltung "Anti-palästinensischer Rassismus" öffentlich gemacht wurde, von Kooperations-, Förderpartner*innen und anderen gesellschaftlichen Akteur*innen scharf kritisiert, antisemitistischen Positionen Raum zu geben - bis hin zur Ankündigung, die bewilligten Fördergelder zurückzuziehen, wenn wir weiterhin mit "Palestine Speaks Freiburg" kooperieren. Wir haben die Kooperation am 17. Mai aufgelöst.

So geht es weiter:

Da wir unserer Überzeugung nach marginalisierte Stimmen (im gegenwärtigen Kontext palästinensische Positionen als auch jüdische) sprechen lassen wollen, organisieren wir kurzfristig eine alternative Veranstaltung zum Thema: Wie kann in Deutschland ein Sprechen zur Situation in Israel und Palästina stattfinden und ein Raum für Dialog ermöglicht werden? 

Das Kuratorium des rassismuskritischen Festivals "Dear White People..."

Freiburg, 18. Mai 2021

"Dear White People...Let's Break the Silence!" ist ein rassismuskritisches Bildungsfestival und als eine Plattform für gesellschaftlich marginalisierte Themen konzipiert. Wir dulden keinen Antisemitismus* und dieser hat - genauso wenig wie andere Diskriminierungsformen - keinen Platz auf dem Festival. "Dear White People..." soll die Vernetzung von BIPoC und Empowermentprozesse stärken, desweiteren ist es uns wichtig, Raum und Ressourcen für Gruppen zu schaffen, die Diskriminierung erfahren. Mit diesem Ziel haben wir nicht nur von Rassismus Betroffene, sondern Personen und Gruppen, die Expert*innen, Aktivist*innen, Autor*innen, Künstler*innen, Journalist*innen und Wissenschaftler*innen sind, eingeladen zu selbstgewählten Themen Veranstaltungen zu kuratieren.

Als Kuratorium hatten wir uns für die Kooperation mit "Palestine Speaks Freiburg" als migrantische Selbstorganisation entschieden. Diese Entscheidung trafen wir nach mehreren Beratungen durch Expert*innen und Anti-Diskriminierungsstellen.

Mit der jüngsten Eskalation der Situation in Israel und Palästina wurden wir von Kooperations-, Förderpartner*innen und anderen gesellschaftlichen Akteur*innen kritisiert, antisemitistischen Positionen Raum zu geben - bis hin zur Ankündigung, die bewilligten Fördergelder zurückzuziehen, wenn wir weiterhin mit "Palestine Speaks Freiburg" kooperieren. Am 17. Mai 2021 haben wir die Kooperation mit "Palestine Speaks Freiburg" beendet. Ausschlaggebend war dabei auch die Kritik der von Antisemitismus betroffenen Personen. Zudem, möchten wir das Festival und auch die zahlreichen Kooperationspartner*innen, die viel Zeit und Ressourcen zur Vorbereitung eingesetzt haben, ebenfalls nicht gefährden. Die Entscheidung war für das Kuratorium aufgrund der Komplexität des Diskurses schwierig, schlussendlich jedoch eindeutig.

Der Diskurs zum Israel-Palästina Konflikt polarisiert, was wir auch innerhalb des Kuratoriums spüren. Das macht ein Sprechen über diesen Konflikt besonders hier in Deutschland schwierig. Der Diskurs ist aber vielschichtiger als lediglich die Gegenüberstellung von einer pro-israelischen und einer pro-palästinensischen Seite. Auch innerhalb des Kuratoriums haben wir unterschiedliche Herangehenweisen, Ansichten und Bezüge zu diesem Thema, die wir in mehreren außerordentlichen Sitzungen diskutiert und reflektiert haben. Daher ist auch unsere Position als gesamtes Kuratorium wie auch innerhalb des Kuratoriums weder so binär noch einstimmig denkbar, im Gegenteil.

Uns ist es weiterhin wichtig, Raum für Dialog zu geben, weshalb wir anstelle des Vortrags zu "Antipalästinensischem Rassismus in Deutschland" eine Diskussion anregen wollen, wie ein Sprechen zur Situation in Israel und Palästina in Deutschland jenseits der genannten Binarität möglich sein kann. Diese Diskussionsrunde werden wir über unsere Website ankündigen.

Mit dem "Dear White People..." Festival rufen wir dazu auf, sich zu systemischem Rassismus, postkolonialen Theorien, Intersektionen, kolonialen Kontinuitäten und Entwicklungszusammenarbeit sowie Empowerment und Powersharing zu informieren, zu organisieren und aktiv zu werden. Sei dabei!

*In unserem Verständnis von Antisemitismus beziehen wir uns hier auf die Definition(en) der Jerusalemer Erklärung (https://diakblog.files.wordpress.com/.../jda-deutsch...).

Freiburg, den 15. Mai 2021

Wir sehen aus gegebenem Anlass die Notwendigkeit, uns an dieser Stelle zu positionieren:

Wir möchten mit dem "Dear White People..." Festival eine Plattform für diverse marginalisierte Gruppen schaffen.

Dabei ist es uns sehr wichtig, dass es sowohl palästinensische Stimmen als auch jüdische Perspektiven auf dem Festival gibt. Daher sind unsere Kooperationsparter*innen dieses Jahr Palestine Speaks Freiburg und die Egalitäre Jüdische Chawurah Gescher Gemeinde. Es ist klar, dass wir keinen Antisemitismus dulden und dieser keinen Platz auf dem Festival hat. In unserem Verständnis von Antisemitismus beziehen wir uns hier auf die Definition(en) der Jerusalemer Erklärung (https://diakblog.files.wordpress.com/2021/03/jda-deutsch_final.pdf).

Aufgrund unserer Kooperation mit Palestine Speaks Freiburg haben einzelne Förderpartner*innen mit Kritik reagiert und die weitere Förderung in Frage gestellt. Wir gehen in den nächsten Tagen mit den genannten Kooperationspartner*innen ins Gespräch und werden Konsequenzen ziehen. Am Dienstag, den 18. Mai informieren wir mit einer ausführlichen Stellungnahme über unser weiteres Vorgehen.

Das Kuratorium der rassismuskritischen Bildungsreihe "Dear White People..."